Lutz ist seit drei Jahren arbeitslos in Berlin. Die Stadt frißt das Geld schneller als es durch Ämter und Gelegenheitsjobs generiert werden kann. Das einzige - das sagt sein Gefühl - das ihn noch in der Stadt hält, sind seine Freunde.
Dann erfährt er von Spiegelgeld. Er liest diesen Text und macht Folgendes:
1. Er kauft sich aus den Altbeständen der Treuhand einen aufgegebenen Hof in der Prignitz. Da ist leicht ranzukommen, monatlich gibt es Versteigerungen, die günstigsten Objekte sind ab 800 EURO zu haben. Nehmen wir an er erwischt einen Hof innerhalb eines Dorfes, mit 6.000 qm Gartenland dirkt am Haus, inkl. einer verfallenen Scheune, für 1.500 EURO. Das Geld schießt seine Mutter zu, als Familienkredit, damit der Bengel sein Leben mal auf die Reihe kriegt.
2. Er behält die Meldeadresse in Berlin, weil die Ämter in der Stadt nicht so aufsässig sind, und nutzt seine Arbeitskraft konstruktiv. Die Scheunenruine wird abgedeckt, mit den gewonnen Biberschwänzen wird das Wohnhaus wieder richtig dicht gemacht. Die Scheune wird ausgebessert und bekommt eine Plastikfolie aufs Dach, das Fachwerk auf der Südseite wird entkernt und ebenfalls mit Folie abgespannt - die Scheune wird fortan als Gewächshaus dienen. Es ist Frühjahr. Es sind ein paar harte Wochen den Garten in Betrieb zu nehmen - aber immerhin hilft ein Bauer aus dem Dorf mit einem Pflug. Ein Teil wird mit Lupinen eingesäht, im zweiten Jahr dann mit Kartofeln, ein anderer Teil direkt mit Kuhmist und Hornspänen fruchtbar gemacht. Schon bald weiss Lutz nicht mehr wohin mit Salat, Ruccola, Frühlingszwiebeln, Erbeeren und Radieschen.
3. Jetzt kann er sich auch auf dem Land polizeilich melden und auf ICH-AG umsatteln. Als Bonus gibt's jetzt auch noch die Eigenheimzulage. Lutz verkauft jetzt Gemüsekisten bzw. versorgt seine Kumpels in der Stadt. Ein paar stecken in guten Jobs und zahlen in Euro, andere, denen es nicht besser geht als Lutz bevor er diesen Artikel gelesen hatte, akzeptieren Spiegelgeld. 1h für jede Stunde, die Lutz im Garten geschuftet hat, und 1h dafür, dass Gott das Kraut hat wachsen lassen. Und siehe da. Schon bald kann Lutz Hilfe abrufen, wenn er sie auf dem Hof braucht. Am besten am Wochenende, da kommen die Jungs gerne raus auf eine Landpartie. Das Spiegelgeld fängt an zu zirkulieren. Zunächst hin und her zwischen ihm und den verschiedenen Kumpels, dann zwischen seinen Kumpels. Computer neu installieren? Hans machts. Babysitter für eine Nacht. Simone tu's. Lea ist Heilpraktikerin. Wie praktisch.
4. Frank wohnt auch im Dorf und hat eine Milchwirtschaft. Jenny eine kleine Hühnerfarm. Man ist sich auf dem Dorffest begegnet, und die beiden fanden Lutz zwar etwas sonderlich, aber die Chemie stimmt. Jetzt hat Lutz nicht nur sein eigenes Gemüse, sondern auch Geflügel von Jenny, Milch von Frank und - er hätte nie gedacht dass er Spaß am Käse machen haben würde, aber es kommt total gut.
5. Die Kostenbilanz wird immer faszinierender: Früher hatte Lutz 400 Euro Miete, 100 Strom wegen Warmwasser, 25 Gas, 80 Festnetz, 150 Handy, 200 alles in allem mit Sprit fürs Auto, 65 BVG, 350 für Essen. Also insgesamt 1370 Euro, davon war knapp die Hälfte vom Amt gedeckt, der Rest war Schufterei, für fünf Euro die Stunde, also 140 Stunden im Monat, d.h. klassisch vollzeit. Dafür schwarz d.h. die Paranoia im Nacken, und ohne Urlaubsanspruch. Und das neben Amtsgängen, Bewerbungsgesprächen etc. Jetzt ist das Handy weg, weil kein Stress mehr, übrig bleiben nur 300 fürs Auto, weil die Wege länger sind, 100 fürs Festnetz. Geheizt wird mit Holz aus dem Wald, Warmwasser kommt aus der Solarpanele vom Dach. Wenn die ICH-Ag vorbei ist wird die Krankenversicherung zur Unfallversicherung runtergestuft, immerhin ist Lea ja Heilpraktikerin. Und die Rente wird gekündigt. Die wird ohnehinnicht mehr ausgezahlt.
Die Grundausrüstung steht. Für die Zukunft wird der Wagen gegen einen Diesel getauscht und auf Pflanzenöl umgerüstet. Der Gemüsegarten wird einer Permakultur weichen, damit die Arbeit nicht mehr so in die Knochen geht. Lutz wird sich in seiner Freizeit anderen Aufgaben widmen können. So wie das Leben einen eben trägt.